Italienische Gala


Wir verbringen eine Urlaubswoche in einem dieser kleinen, familiär geführten Hotels am Gardasee.

Der italienischen Küche sehr zugetan, lassen wir uns Abend für Abend mit den südländischen Gaumenfreuden, die la Mama, die Küchenchefin kocht, verwöhnen. Das Dolce übertrifft ein um das andere Mal unsere Vorstellung von der Herstellung einer Süßspeise. „La Mama hat es im Kopf“, antwortet Luca, wenn ich ihn nach dem Rezept frage.

Umberto, der professionelle Oberkellner im schwarzen Anzug mit einer Samtfliege unterm Hemdkragen, der so perfekt serviert, dass er als Butler von Queen Elisabeth gelten könnte, reicht am Ende eines Dinners noch einmal Platten und Schüsseln zum Nachlegen der Köstlichkeiten.

Bene, mille grazias, alles ist bene, aber leider sind wir gesättigt. Ein kleines Lächeln huscht dann über sein Gesicht, ob dem Erfolg der Küche.

Heute Morgen liegt keine Speisekarte auf unserem Frühstückstisch. Griselda, Kellnerin, nicht verwandt und nicht verschwägert mit der Familie Frascuati, klärt uns auf: „Heute keine Karte – heute Abend Gala!“

Wie verheißungsvoll das klingt. Wir kehren etwas früher von unserer Wanderung zurück. Das Haar zerzaust, Sonne und Wind auf dem Gesicht, trinken wir einen eisgekühlten Bardolino auf der Terrasse. Scherzen, Lachen, den Tagesbericht weiter gebend, macht unsere Reisegruppe zu einer fast eingeschworenen Gesellschaft. Einige haben inzwischen im Pool Abkühlung gesucht, andere spielen Rommé. Plötzlich wird die Schiebetüre zur Terrasse hin aufgerissen. Griselda und Francesco, der elfjährige Sohn von Antonio, dem Juniorchef und Claudia, die für das Wohl der Gäste, was die Zimmer angeht, zuständig ist, tragen drei Tische auf den grünen Rasen unter die Palmen. Weiße Damasttischtücher und Proseccogläser kündigen den Beginn der Gala an.

Eilends suchen wir unser Zimmer auf, um uns umzukleiden.

Die Gäste, mit einem Glas Prosseco in der Hand, zertreten den feinen englischen Rasen. Umberto und Griselda, bieten gegrillte Köstlichkeiten der Region als hors-d’oeuvre an, Oliven, Parmesan, Spinatkuchen, Melonenspiese mit Parmaschinken und vieles andere mehr. Ein Musikant, mit längerem, lockigen Haar, in dem schon silberne Strähnen glitzern, spielt auf seinem Schifferklavier „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt….“

Scherzen, lachen, trinken und genießen unter der untergehenden Sonne am Gardasee, und wir sind dabei.

Prego Signora, Prosecco noch?“

Ja bitte!“

Alberto, ein Freund des Hauses, ein Vier-Sterne-Koch in Pension, schenkt mir nach. Ich genieße das köstlich prickelnde Getränk und lasse mich von der Leichtigkeit dieser italienischen Gala einfangen. Der würzige Parmesan, den er mir reicht, rundet den leicht herben Geschmack des Prosecco ab. Umberto, natürlich in seinem schwarzen Anzug mit roter Samtfliege, kommt auf uns zu. Er und Alberto sind Freunde, seit der gemeinsamen Zeit auf der Hotelfachschule. Alberto hingegen verrät mir, dass Umberto dann später, bis zu seiner Pensionierung der Impressario jener Schule war.

Ein Appa, ein dreirädriges Fahrzeug zwängt sich jetzt in die Einfahrt. Ein Raunen geht durch die Menge.

Il Capitano“, ruft Griselda mit schriller Stimme Umberto zu, „was will er hier?“

Er hat heute Nachmittag unseren Busfahrer gesucht“, erklärt eine Mitreisende.

Ein Mann in arg zerbeulten Hosen und zerfranstem Pullover, unter dem sich ein stattlicher Bauch wölbt, steigt aus. Mit tiefernster, ja fast finsterer Miene beäugt er die Galagäste. Die Hände tief in den Hosentaschen, schiebt er sich mit schwerem Schritt, wie ein Fremdkörper, durch die fröhliche Gesellschaft. Jetzt hat er unseren Busfahrer entdeckt. Er spricht ihn an, auf Italienisch. Wir können nicht ahnen was er von ihm will, oder doch? Am Tag zuvor haben wir mit unserer Gruppe eine Bootsfahrt über den See unternommen.

Flavio wird sauer sein“, hatte der Busfahrer gesagt. „Egal, heute fahren wir mit Paolos Boot.“

Der Busfahrer folgt dem Capitano hinter eine halbhohe Mauer. Der Capitano redet jetzt ziemlich heftig auf ihn ein, klopft ihm mit der flachen Hand auf die Brust.

Er wird ihm wohl nichts antun, so finster wie er dreinschaut?“

Welch einen Handel treiben die da?“

Im gleichen Moment wechselt ein zusammen gerolltes Bündel Geld den Besitzer. Il Capitano, dessen Gesichtszüge etwas entspannter scheinen, klopft jetzt dem Fahrer kameradschaftlich auf die Schulter. Mit ebenfalls ernster Miene, die so einem Geschäft wohl einen würdigen Rahmen verleit, steigt er in sein Gefährt ein und verlässt die Hotelzufahrt. Der Motor heult auf, während er die steile Gasse hinaufbraust und ein bläulich, übel riechender Qualm verpestet die laue Abendluft. Unser Busfahrer, der italienischen Sprache und diverser italienischer Gepflogenheiten kundig, schiebt sich nach diesem Zwischenspiel ein Stück des wohlschmeckenden Spinatkuchens in den Mund.

Alle bitte zu Dinner kommen!“ ruft Griselda jetzt und klatscht in die Hände.

O, solo mio …“, spielt und singt der Musikant, während wir uns in den Speisesaal begeben.

Bei Griseldas Ankündigung am Morgen ahnte ich nichts von den Facetten einer italienischen Gala. Was wird uns dieser Abend noch aufregendes bringen?

Carpatcho von Perlhuhnbrüstchen auf Feldsalat eröffnet den Reigen, gefolgt von Pasta in Sardellensoße und Risotto Milanese. Marinierte Kalbsschnitzel auf Spinat mit gegrillten Kartoffeln bilden die Hauptspeise.

Bei diesem üppigen italienischen Festessen vergessen wir alle unsere Sorgen, trinken vom köstlichen Wein und genießen das Dolce, zu welchem Umberto vor unseren Blicken auf dem offenen Feuer in einer Kupferpfanne Ananasscheiben flambiert. Welch ein Genuss?

Im Speisesaal herrscht eine lebhafte Atmosphäre. Die Ah’s und Oh’s bei jedem Gang untermalen noch die Freude an diesem Mahl. Italienische Weisen, ganz piano gespielt, komplettieren noch das leichte südländische Lebensgefühl, welches uns längst ergriffen hat.

Die Musik erklingt jetzt lauter. Mit Reibeisenstimme, Adriano Celentano miment, singt der dunkeläugige Troubadur „Azzuro, il pomeiggio è troppo azzuro è lungo, per me….“.

Wir wechseln hinüber in die Bar. Luca, mit seinem schmelzenden Blick aus Augen, die mich im bunten Licht der Bartheke, an eingelegte schwarze Oliven erinnern, serviert uns einen spritzigen, gekühlten Bardolino. Durch die weit geöffnete Schiebetür fällt unser Blick in den beleuchteten Garten und auf den blauen Pool. Im Hintergrund sehen wir die von weichem, gelbem Licht angestrahlte Burg, eine Festung der Familie Scaligero, im 16. Jahrhundert auf Fels erbaut, deren hoher Turm über Malcesine wacht.

Bei Tanz und Unterhaltung, die Freunde der Familie Frascuati haben sich unter uns gemischt, feiern wir unsere erste italienische Gala. Umberto, jetzt in leichter Freizeitbekleidung, wiegt sich, zusammen mit seiner Frau, im Tanz. Der Wein der Region, getrunken in dieser lauen italienischen Sommernacht, die uns einhüllt in den Zauber des Südens, lässt uns jegliches Zeitgefühl vergessen.

Antonio, mit müden Augen, verabschiedet sich um Mitternacht von uns: „Bouna Notte meine Lieben.“

Ariverdergi Antonio, bis Morgen“, rufen wir ihm zu.

Umberto tanzt jetzt mit einer unserer Mitreisenden einen Twist. Wer hätte ihm das zugetraut, ihm, dem professionellen, vornehmen Oberkellner mit den geschliffenen Manieren. Wir Siegerländer Gäste fühlen uns in diese italienische Sippe integriert. Nur mit der Sprache haben wir unsere Schwierigkeiten und die junge, etwas schüchtern wirkende Kellnerin hinter der Theke spricht kein Deutsch. Wir geben ihr Handzeichen, was unsere Getränkewünsche angeht und es klappt ausgezeichnet.

Irgendwann in dieser Nacht beenden wir die Gala, suchen unser Zimmer auf und von unserem Balkon aus verabschieden wir uns vom tiefblauen sommerlichen Sternenhimmel über dem Gardasee.

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