Lesen im Schloss

Eigentlich ist es ein milder Oktoberabend, an dem ich auf dem Parkplatz, nahe Schloss Crottorf mein Auto abstelle. Morgen werden die Uhren auf die Winterzeit umgestellt. Der Herbstwind lässt die Äste der uralten Linde im ersten Schlosshof erzittern, letzte Blätter wirbeln auf den Boden. Die eher schwache Beleuchtung im zweiten Schlosshof -eine Hängebrücke habe ich schon passiert- lässt diesen Ort, den ich bei Tageslicht so sehr mag, eher gespenstisch erscheinen. Jeder Schritt -Gott sei Dank habe ich flache Schuhe angezogen- über das wellige, uralte Fischgrätenmuster der Zufahrt lässt Erinnerungen an einen Schulausflug im Jahre 1952 in mir aufkommen. Damals schritt ich auch, voller Erwartung auf eine Schlossführung, auf das vor mir liegende Portal zu. Leider durften wir nur den Schlosshof und den angrenzenden Park besichtigen. Meine Enttäuschung war damals sehr groß, zumal wir viele Kilometer über Berg und Tal gewandert waren. Immer wenn ich später als Erwachsene auf einer Fahrradtour mit meinen Sportkameradinnen -unsere Hausstrecke führt an Schloss Crottorf vorbei- versuchte über die Hecke einen Blick auf das Schloss zu erhaschen, kamen schemenhaft Erinnerungsfetzen an jenen Tag in mein Bewusstsein. Drei Fledermäuse kreisen jetzt um den Turm des Schlossgebäudes. Wer hat sie aufgeschreckt? Nach den ersten Frostnächten hängen sie sich doch zum Winterschlaf auf, so jedenfalls habe ich gedacht, bis heute Abend.

Friedrich Dönhoff, Schriftsteller, Journalist, ein Spross der alten, adligen Hatzfeld-Dönhoff Familie, Großneffe der legendären Marion Gräfin Dönhoff, Herausgeberin der Zeitschrift Die Zeit, liest heute Abend in der alten, ehrwürdigen Bibliothek seines ehemaligen Zu Hauses aus seinem neuesten Roman Savoy-Blues vor, musikalisch untermalt von einem Jazzduo.

Während ich noch das massive, Eindruck erweckende Tor zum Innenhof bewundere, höre ich Stimmen und sehe Menschen hinter den Fenstern der ersten Etage des Flügels vor mir. Die Haustüre zu diesem Gebäude öffnet sich und Friederike Schlebusch vom Kultur Flecken, heute Abend als Karten Abreisserin tätig, begrüßt mich. "Ich weiß, dass Sie eine Eintrittskarte haben, aber ich habe Order, trotzdem alle Karten abzureißen". Diese ihre Worte führen mich für einen Moment zurück in die Realität.

Ordnung muss sein, heute wie damals, als die Herren von Hatzfeld-Wildenburg, Besitzer dieses schönen Wasserschlosses, in einem wunderschönen Tal gelegen, von herrlichen Buchenwäldern umgeben, ihre landesherrlichen Dienste und Abgaben von ihren Untertanen einforderten.

Im oberen Flur warten interessierte Gäste auf den Einlass in den Vortragsraum, die Bibliothek des Schlosses. Bekannte Gesichter, Gäste aller Altersstufen, lassen erkennen, das sie gleich mir voller Erwartung auf diese Lesung im Schloss sind.

Der Raum ist voll besetzt, es müssen noch Stühle zugestellt werden. Ein gedämpftes, aber doch hörbares Gemurmel im Raum lässt Anspannung auf den Beginn der Veranstaltung erahnen. Die Bücherregale, rechts und links, vom Boden bis zur Stuck verzierten Decke, bergen alte Bücher, in denen sicher alle Generationen derer von Hatzfeld-Dönhoff gelesen und studiert haben. Ich versuche mir Texte, Abschnitte, Zeilen, Wörter und Silben in ihnen vorzustellen. Welch ein Unterfangen?

Vor uns ein schwarzer Flügel, ein Saxophon auf seinem Ständer abgestellt und ein alter stilechter Tisch, der zu diesem altehrwürdigen Ambiente des Leseraums passt, an dessen rechter Seite im Licht der Leselampe ein kunstvolles Spinngewebe sein Alter noch zu betonen versucht. Das Mikro auf dem Ständer und die Leselampe sind jedoch Zeugen der Gegenwart.

Graf und Gräfin von Hatzfeld-Wildenburg-Dönhoff nehmen Platz. Zuvor aber hält der Graf eine kurze Ansprache, stellt den Schriftsteller, Sohn des Hauses, vor. Die beiden Jazzmusiker spielen den Savoy-Blues, ein Arrangement aus den 1930ern. Die alten Bücher mögen sich erschrecken, herrscht in einer Bibliothek ansonsten doch eher Stille und eine gewisse Andacht. Jetzt bebt der Raum von Schwingungen dieser Jazzmelodie. Ich weiß nicht recht still auf dem gepolsterten Stuhl zu sitzen. Ein Fuß wippt, nicht nur bei mir, meine Nachbarin zur Linken tut es mir gleich. Die Hände des Jazzpianisten scheinen die Klaviertasten zu vergewaltigen, der Rhythmus lässt seinen Körper fast tanzen, das Saxophon dämpft das Stück mit seinem weichen, doch maskulinen Sound etwas ab. Welch packendes, herrliches Erlebnis für mich, die im Jahre 1952 traurig auf dem Schlosshof stand, der einen Einlass ins Schloss verwehrt wurde - warum auch immer. Jetzt saß ich drinnen und die Enttäuschung, was das Schloss Crottorf anging, an jenem Tag in meiner Kindheit, verwandelt sich heute in Freude und Begeisterung, obwohl Friedrich Dönhoff uns bis jetzt zwar begrüßte, doch noch nichts aus seinem Kriminalroman vorgelesen hat.

Aus dem ersten Kapitel trägt er uns mit seiner eher weichen, melodischen Stimme vor, dass ein falscher Altenpfleger einen pensionierten Postbeamten mit einer Insulinspritze ermordet. Die Stimme des Lesers und die Handlung des eiskalten Mordes, den der Mörder, nachdem er die Spritze gesetzt hatte, dem Opfer ankündigte, erscheinen mir krasse Gegensätze zu sein, wie der Raum mit Renaissance-Stuckdecke und in ihm die Jazzmusik mit ihrem harten Rhythmus.

Nach jedem Kapitel spielt das Duo eine weitere Variante des -Savoy-Blues, diesmal aus den 1950er Jahren. Im zweiten Kapitel, dem jüngsten Kriminalkommissar Hamburgs, Sebastian Fink, wird in seiner neuen Dienststelle sein erster Fall übergeben, nämlich der Mord an dem alten Postbeamten.

Friedrich Dönhoff lädt seine Zuhörer in der Pause zu einem kleinen Umtrunk mit wohlschmeckenden, vielseitig gestalteten Kanapees in den Rittersaal des Schlosses ein. Der Sekt lässt meine Hochstimmung noch einen Grad höher schwingen und die Leckereien, auf gräflichen Platten angerichtet, munden vorzüglich. Vergessen sind in diesem Augenblick alle Sorgen, aller Stress, vergessen ist das Gestern. Friedrich Dönhoff entführt mich in eine Welt der vergangenen Noblesse dieses Schlosses, zu der ich sonst keinen Zugang habe. Doch die Handlungen des Krimis und der Savoy-Blues in seinen Epochen abhängigen Variationen holen mich in die Wirklichkeit zurück. -

Im dritten Kapitel -inzwischen ist der zweite Ermordete zu beklagen, ebenfalls ein Mann im Alter des toten Postbeamten- spielt ein Brief zur Aufklärung des komplizierten Falles eine wichtige Rolle. Weil Friedrich Dönhoff an dieser spannenden Stelle seine Lesung beendet, keine Andeutung einer eventuellen Lösung bekannt gibt, eile auch ich am Schluss der Veranstaltung auf den Büchertisch zu. Die Jazzmusik, diesmal wird der Savoy-Blues in seiner Originalfassung vorgetragen, begleitet uns aus dem Vortragsraum.

Friedrich Dönhoff, Autor eines Kriminalromans, der aber die Menschen liebt, signiert auf Wunsch alle seine Bücher und schenkt einem jeden von uns ein paar Worte, die uns auf den Heimweg begleiten.

"Haben Sie auch etwas zu trinken bekommen?", fragt er mich. Sein Blick prüft wohl die Richtigkeit meiner Antwort.

"Ja, der Sekt schmeckte köstlich, danke."-

"Haben ihnen die Brote geschmeckt?"- "Ja, bestimmt. Es war eine reichliche Auswahl vorhanden."-

"Die habe ich alle selbst geschmiert. Stundenlang habe ich heute Brote geschmiert."-

Dieser Mann verblüfft mich aufs Neue. Seine Signatur ziert jetzt die erste Seite meines -Savoy-Blues, sie ist so edel wie der ganze Grafensohn und wird mir eine immer währende Erinnerung an einen sehr schönen, formvollendeten Abend im Schloss Crottorf sein.

Danke Friedrich Dönhoff, danke für die Einladung zu Ihrer Lesung, die für mich sehr wichtig ist, danke auch für die selbst geschmierten Brote. Solange ich zu Denken vermag, werde ich mich an die guten, von edler Hand geschmierten Butterbrote erinnern. An den Savoy-Blues in allen dargebotenen Variationen und an die alte, würdevolle Bibliothek im Schloss Crottorf.

Ich liebte Bücher schon, bevor ich lesen konnte. Sie üben immer noch eine magische Anziehungskraft auf mich aus. Ich bin gespannt, wie Ihr Kommissar Fink den Fall lösen wird, und sie versprachen, dass Sie eine Serie für ihn schreiben werden. Also werden Sie weiter einen Platz in meinem Dasein und in meinem Bücherregal einnehmen.--

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